2026-01-11 gesellschaftsanalyse Normerwartungen Verletzungen Zwischenmenschliches, so sollte man meinen, waere das, was zwischen Menschen entsteht. In den meisten Faellen reproduzieren Menschen im Zwischenmenschlichen aber nur Gesellschaftliches. Es ist erschreckend, wie gross die Normerwartungen sind ... und wie wenig hinterfragt. Man hat sich ihnen zu unterwerfen. Voellig selbstverstaendlich wird erwartet, dass die Norm zu erfuellen waere. Die Norm zu erwarten muss weder bewusst gewollt noch erk- laert werden -- sie ist eben die Norm, also einfach ``normal''. Von allen davon Abweichenden wird dagegen eine Erklaerung erwar- tet, ... insofern ihre Abweichung ueberhaupt geduldet wird. Ich finde es schlimm, wie wenig individuelle Wuensche, Vorlieben, Beduerfnisse, Probleme dabei eine Rolle spielen. Es ist nicht vorgesehen, dass von der Norm abgewichen wird. Dies wuerde naem- lich sowohl erfordern, dass die Norm bewusst wahrgenommen wird, als auch, dass man andere Gestaltungen zulaesst. Es bedarf einer grossen Anstrengung, die gesellschaftliche Prae- gung sehen zu koennen. Unsere Erziehung ist auch darauf aus- gelegt, sie derart zu verinnerlichen, dass moeglichst gar nicht mehr anders gedacht werden kann. Schliesslich erzeugt es Erfolg wenn man gut angepasst ist und moeglichst wenig kollidiert. Die Idee ist, dass man dann am gluecklichsten waere, wenn man die Be- grenzungen nicht sieht weil man denkt, dass dies die einzige und natuerliche Art des Lebens waere. Wenn kein Vergleich und keine Wahl existieren, dann muss alles so richtig sein. Soweit das Konzept. Man meint, damit wuerde man den Menschen etwas Gutes tun. Das Problem dabei ist, dass man sie nicht selbst entscheiden lassen *kann*, da die Idee ja gerade ist, dass es keine Wahl ge- ben darf. Dies ist ein schrecklich uebergriffiges Konzept. Die Menschen werden nicht fuer voll genommen. Sie werden behandelt wie Nutztiere. -- *Wir* sind diese Menschen! Wie schwer ist es, den Umfang und die Tiefe der gesellschaftli- chen Praegung zu begreifen! Wir erlauben unseren Mitmenschen normalerweise keine Wahl. Wir erwarten, dass sie sich normgerecht verhalten. In Massen koennen wir ihnen abweichende Entscheidungen zugestehen, aber wir erwar- ten dann, dass sie diese begruenden und pro-aktiv darueber infor- mieren. Das ist diskriminierend. Kinderlose Frauen ueber 30 muessen erklaeren, warum sie noch keine Kinder haben oder womoeglich sogar gar keine bekommen *wol- len*! Ich habe noch von keinen Frauen gehoert, die argumentativ erklaert haetten, weshalb sie Kinder bekommen wollen ... es wird einfach voraus gesetzt. (Ausser natuerlich es handelt sich um Frauen mit koerperlichen oder geistigen Behinderungen, bei denen wiederum wird ganz selbstverstaendlich erwartet, dass sie kinder- los bleiben.) Ebenso herrscht eine extrem starke Normerwartung, dass man sich uneingeschraenkt ueber frischen Nachwuchs freuen muss. Es ist voellig unerheblich was man fuer Gedanken, Gefuehle, Beduerf- nisse, Probleme oder Aengste hat, man hat sich zu freuen. Die Moeglichkeit, ein Baby koennte keine freudigen Gefuehle ausloesen, darf nicht vorkommen. Jede Nichtfreude wird als An- griff oder Ablehnung ausgelegt. Zugleich ist egal, ob die Pflicht zur Mitfreude selbst angriffig oder ablehnend ist. Wer sich herausnimmt, von der Norm abzuweichen, wer sich herausnimmt, Gesellschaftserwartungen nicht zu erfuellen, wer sich herausnimmt, seine andersartigen Beduerfnisse und Wuensche zu aeussern, der wird abgewertet, verurteilt und ggf. aus- gegrenzt. Wenn ich keine Kinder kriegen kann aber gerne welche haette und darum jeder Kontakt mit dem Thema sehr schmerzhaft fuer mich ist, wie kann man da von mir erwarten, dass ich mich ueber fremdes Ba- byglueck freue?! Freuen sich dann die anderen ebenso mit mir wenn sie in schrecklichen Ehen festsitzen oder niemanden finden, wenn ich ihnen ausschweifend und voller Glueck von meinem taeglichen Sex mit den aufregendsten Menschen vorschwaerme?! Was ist mit alleinerziehenden mehrfachen Muettern, die ihre eigenen Lebenstraeume erzwungenermassen aufgeben mussten, um fuer ihre Kinder zu sorgen und dazu einen Scheissjob, lauter Probleme, keine Unterstuetzung und kein eigenes Leben haben? ... muessen die sich ueber das Traumbaby in der Traumfamilie ihrer Freunde freuen? Und was ist mit Personen, die sehen, wie rasant die Menschheit waechst udn wie gross die Probleme dadurch sind? Wie kann man verlangen, dass die sich ueber noch mehr neue Menschen freuen!? Und was ist mit den Kinderlosen, deren ganzer Freundeskreis und ihr soziales Umfeld fuer 10-20 Jahre wegbricht, weil alle in die Kinderwelt abtauchen und dann nur noch zwischen dem Kinderglueck und der Belastung, die Kinder sind, hin und her kippen, ohne dass noch Zeit und Kraft fuer ein tiefes Gespraech vorhanden waere? Diese Kinderlosen, die dann alleine da stehen, sollen die sich auch ueber diese Folgen der Kinder-``Gluecks'' freuen, wenn es doch ihrem eigenen Leben so schadet!? Wie kann man das erwarten? Wie kann man so uebergriffig und egoistisch einem selbst erwuenschte Gefuehle von anderen fordern? Wo bleibt denn dabei die andere Person? Ist sie nur ein Pflicht- publikum? Die Kindsituation ist nur ein besonders anschauliches Beispiel fuer eine Vielzahl aehnlicher Normerwartungen in unserer Gesellschaft, die den Raum fuer eine freie und den konkret Beteiligten entsprechende Gestaltung des Zwischenmenschlichen be- grenzen. Ich werfe das keiner einzelnen Person vor, denn wir alle sind so erzogen/gepraegt/hingedreht worden. Wir hatten nicht die freie Wahl. Es ist nicht unsere Schuld, dass wir es nicht besser wissen. Man entkommt den Folgen dieser Gehirnwaesche ueblicherweise nur dann wenn man selbst so sehr mit den zunaechst unsichtbaren Beschraenkungen kollidiert, dass man dann doch mal genauer hin- schauen muss, was da denn eigentlich kollidiert ... was dann aber auch noch erfordert, dass man ueberhaupt auf die Idee kommt und den Gedanken zulaesst, dass es vielleicht nicht an einem selbst liegen koennte. Das braucht viel Zeit und Arbeit und Motivation (typsicherweise durch Schmerz), um sich herauszuarbeiten. Jahre! Viele Jahre! -- Das kann man nicht von anderen erwarten. ... und doch verletzen sie einen mit ihren Normerwartungen. Sie schaffen es nicht, das Zwischenmenschliche zwischen den Menschen entstehen zu lassen, individuell, frei von externen Normen, of- fen, passend fuer die gerade dabei beteiligten Personen, mit wertschaetzender Kommunikation, so dass jede Person darin sicht- bar werden kann, so wie sie nun eben ist, ohne Wertung. Nunja ... http://marmaro.de/apov/ markus schnalke