2025-12-31 gesellschaftsanalyse Wer soll was tun? Eine Kritik Nachdem ich das Buch ``Wer soll was tun?'' von Frauke Rostalski mehrmals in Buchhandlungen liegen gesehen habe, habe ich es aus einem Impuls heraus im November gekauft ... und vor kurzem dann gelesen. Ich will auf den Inhalt eingehen, weil er es mir wert erscheint. Dies zeichnet das Buch also aus. Ganz generell finde ich das Buch denkwuerdig. Es ist wuerdig, darueber nachzudenken. Egal ob man in den Aussagen uebereinstimmt oder nicht leistet es einen wertvollen Beitrag fuer eine kon- struktive Diskussion ueber Klima, Gesellschaft und Co. Interessant und zugleich einschraenkend ist, dass die Autorin gezielt und ausschliesslich die Perspektive der Rechtswissen- schaften einnimmt. Sie liefert mir damit einen neuen Betra- chtungswinkel. Zugleich verhindert er aber auch Loesungsfin- dungen. Ich finde diesen Betrachtungswinkel bereichernd, denke aber nicht, dass er Loesungen liefern kann. Das will ich erk- laeren. Das Recht ist stets die Manifestation des bestehenden Systems. Wenn nun das System an sich das Problem ist, dann kann eine Loesung nicht mittels des Denkens *im* System gefunden werden. Das ist meine Hauptkritik, warum ihr Ansatz keine Loesungen fin- den kann. Beispielsweise wird ein kolonialistisches System den Kolonialismus auch nicht aus sich selbst heraus abschaffen. Das macht keinen Sinn. Dazu braucht es kontraere Einfluesse von aussen. Leider kann und soll die Rechtswissenschaft quasi per De- finition nicht out of the Box denken. (Aehnlich wie die Polizei per Definition stets den Staat verteidigen und Protest bekaempfen oder zumindest klein halten soll, egal ob er berechtigt ist oder nicht.) Die letzten 50 Jahre (seit der Klimawandel durch den Club of Rome in die Oeffentlichkeit gerueckt ist) haben wir im Grunde genau das getan was Rostalski vorschlaegt. (Wir haben nicht ihre Ziele erreicht aber wir haben ihren Ansatz verfolgt.) Die Folge ist, dass wir keiner Loesung relevant naeher gekommen sind, sondern wir das Problem noch vergroessert haben. Wieso sollten wir ploet- zlich zu einer Loesung kommen wenn wir das gleiche Verhalten fortfuehren? Diese uebergeordnete Betrachtung der Situation stellt ihren Ansatz grundlegend in Frage. Sie weist vielfach darauf hin, dass Alleingaenge einzelner Staaten negative Effekte haben koennten. Das kann gut so sein. Es nicht zu tun hat jedoch definitiv ebenfalls negative Effekte, wie wir schon wissen. Sie hat recht damit, dass Staatenbuende gemeinsam potente Systeme aufsetzen muessten, bloss passiert das halt nicht, egal wie sehr man das richtig und sinnvoll findet und es sich wuenscht. Wenn es passieren koennte, dann waere es schon laengst passiert. Natuer- lich liegt dort eine Art von Loesung, genauso wie natuerlich die eigentliche Loesung in der Abkehr vom (irrsinnigen) Kapitalismus und hin zu weniger Konkurrenz und mehr Zusammenarbeit sowie mehr Ausgleich laege ... aber so sind die Menschen halt wohl nicht ... und so sind auch die Politik und die Nationalstaaten nicht. Diese Empfehlung ist genau so richtig wie wirkungslos. In verfahrenen Krisen geht es nicht so sehr darum, zu ueberlegen, was alles fuer negative Auswirkungen von dieser und jener Massnahme auftreten koennten und wo genau die beste Loesung liegt. Das kann man in Entspannung tun, wenn man Zeit und Ruhe hat. (Das haette man in den 80ern und 90ern machen sollen.) Und wenn die Antworten einfach und die Massnahmen akzeptiert gewesen waeren, dann haette man sie ja auch schon laengst ergriffen. Die Situation der verfahrenen Krise an sich zeigt ja bereits, dass all dies nicht zutrifft. Folglich muss man anders ansetzen: Unter Handlungsdruck muss man ausprobieren. Das Schlimmste waere abzuwarten und die Dinge gleich zu machen wie bisher! Stattdessen muss man vor allem Neues probieren und schauen was es fuer Auswirkungen hat. Hauptsache, es bewegt sich etwas in einer neuen Weise. Man muss also experimentieren, offen sein, Dinge aufbrechen, denn nur das bringt Neues und Anderes ins Spiel, was noetig ist, denn das Bekannte hat uns ja in die Problemsituation gefuehrt. Heraus findet man nur wenn man Dinge anders macht. Was genau ``anders'' bedeutet ist erstmal offen. Es muss nur pas- sieren und zwar schnell und in viele verschiedene Richtungen. Entscheidend ist, dass sich Dinge deutlich veraendern. Wenn wir naemlich immer nur winzige und langsame Schritte machen (was leider in den Rechtswissenschaften der modus operandi ist und damit das dortige Denken praegt), dann werden wir nur lokale Max- ima optimieren. Wir finden damit nicht heraus aus der lokalen Region und hin zu einem globaleren Maximum, das unsere Probleme loesen kann. Dafuer braucht es Disruption. In Rostalskis Ausfuehrungen fehlt mir die Anerkennung, dass das Verhalten und das Wollen der Menschen nicht natuerlich ist. Es ist sowohl in erlernten kulturellen Denkweisen gefangen als auch seit rund einhundert Jahren gezielt von Konzernen und zunehmend mehr von privaten Medien gepraegt und gestaltet. Man darf sich folglich nicht darauf verlassen, dass Menschen fordern was sie selbst wirklich wollen. Wie sonst laesst sich erklaeren, dass die von Menschen gemeinhin als hoechsten Gueter angesehenen Werte -- Gesundheit, Recht und Frieden -- einen derartig bereitwillig hingenommenen Verfall erfahren? Da ist eine Menge Angstmanipula- tion, Ablenkung, Verschleierung und Indirektheit im Spiel, die solche eigentlich unverstaendlichen Effekte erzeugen. Loesungen koennen nur dann welche sein, wenn sie diese Effekte einbeziehen, da sie sonst von ihnen ausgehebelt werden. Nun, Rostalski fragt: Welche Verantwortung besteht? Wenn man einen Schritt weiter zurueck tritt ist die Antwort darauf ein- fach: In einem geschlossenen System (das die Erde ist) ist die Verantwortung aller und jedes einzelnen Menschen: die Welt nicht schlechter zurueckzulassen als wie man sie vorgefunden hat. Wenn wir uns hierauf nicht festlegen koennen, dann steht dem ungebremsten Egoismus (und damit Ausbeutung und Gewalt) nichts im Wege. Wenn wir uns aber darauf festlegen, dann ist unsere Pflicht, im Rahmen der uns berechtigt zustehenden Ressourcen zu leben ... als Individuum, als Gesellschaft/Nationalstaat, als Kulturraum, als Generation, als Menschheit. Das, denke ich, kann gefordert werden. Eigentlich ist genau *das* die Aufgabe der Politik -- von Staaten und ueberstaatlichen Vereinigungen. Sie kommen dieser -- *ihrer* *Verantwortung* -- aber nicht oder nur ungenuegend nach. Dadurch verlagert sich die Verantwortung leider notwendigerweise zu einer individuellen Verantwortung, denn *wir* *sind* der Staat! Wenn unser Repraesentant nicht tut was notwendig ist, dann liegt es an uns ihm das zu zeigen. (Wann unser Repraesentationssystem nicht faehig ist, seine Aufgabe zu erfuellen, dann liegt es an uns, es umzugestalten.) Natuerlich hilft alles nichts, wenn Menschen lieber die Erde run- terrocken und Mitmenschen ausbeuten, um ein paar nette Jahre zu haben, ohne irgendeine Verpflichtung zu empfinden. Wenn die Men- schheit so ist, dann koennen wir uns alle Muehe sparen. Dann muessen wir nicht philosophieren oder auch nur nachdenken. Wenn das aber *nicht* das ist, was Menschen wollen, dann muessen wir vorleben, inspirieren, zeigen, dass es auch anders geht, die Vorteile demonstrieren, anstossen, motivieren, und dem Guten einen Raum geben. Wir muessen es tun, damit andere nachfolgen koennen ... andere Menschen und auch die Politik, da die meist nicht vorausschauend praegt (wie sie wohl sollte), sondern nur der in der Wahrnehmung vorherrschenden Stimmung hinterher laeuft. Wir muessen also genau das tun, was Rostalski fuer nicht ziel- fuehrend haelt: auch dann Schritte voran machen wenn andere (noch) nicht mitziehen. Zum Abschluss moechte ich noch die grundlegenden Denkweisen bei all diesen Betrachtungen in Frage stellen. Unsere kapitalistische Gesellschaft basiert in zentraler Weise auf Konkurrenz, auf Wettstreit, auf Macht und auf Angst. Das ist aber nicht die ein- zige Art, wie man das Leben sehen, denken und gestalten kann. Man muss Schwaechen von Mitmenschen nicht ausnutzen. Schwaechen wer- den nicht immer ausgenutzt. Man muss sie nicht zwangslaeufig verhindern oder verstecken. Man muss nicht immer konkurrieren. Man muss so nicht denken. Man kann sich stattdessen auch oeffnen. Das kann Verbindung aufbauen und Glueck schaffen. Vielleicht liegt die Loesung darin, dass wir uns verletztlich machen und auf andere zugehen. Dieses Buch hat viele gute Gedanken angestossen. Das meine ich mit dem konstruktiven Beitrag, den es leistet. Ich finde gut, dass es existiert. http://marmaro.de/apov/ markus schnalke